Lost Places

Zerfallende Fluchten

Fotoausstellung im Weltladen Speyer (Gerhard K. Kerner)

Die atemberaubend anmutende Fallhöhe zwischen der einstigen Zweckzuordnung der Objekte oder Gebäude und deren nunmehrigem Zustand ist es, was die Spannung bewirkt, die den Betrachter ergreift, der sich den Fotografien nähert. Lara Sophie Westrich hat die Fotografie sehr früh für sich entdeckt und vor acht Jahren, als die jetzt 23-Jährige ihre erste eigene Kamera bekam, damit begonnen, ihre Entdeckung zu pflegen und zu perfektionieren.

Unter „Lost Places“ versammeln sich im Weltladen Speyer Bilder einer Ausstellung der jungen Fotografin, die in ihren Werken die Fragilität der uns umgebenden Dinge thematisiert. Und immer wieder bricht sich die Natur Bahn, überzieht Böden mit Laub und Gehölz, bemoost Wände und Stühle, strukturiert mit jungen Zweigen kahle Decken, von denen der Putz blättert.

Westrich erkennt das. Sie unterstreicht in einer Weise, als empfände sie eine gewisse Zärtlichkeit für die Objekte ihrer Objektive, diese Situation des scheinbaren Verfalls. Sie arbeitet mit Tageszeiten, Lichtgebung, Winkeln und Perspektive, um den verlassenen Orten die kleine Flucht Leben zurückzugeben, die sie sich erkämpft haben. Denn zum einen kehrt tatsächlich vielerorts die Natur zurück, um sich einen gebührenden Platz zu erobern, und zum andern wird deutlich, wie intensiv in und an all dem einmal Vitalität und Leben haftete.

Das scheint das größte Verdienst von Lara Westrich: Darzustellen, dass nichts wirklich tot ist und dass von Menschenhand geschaffene Objekte einst belebt waren.

Da ist die Wäscherei eines aufgelassenen Militärgeländes („Laundry“).

Angerissene Überputzleitungen strukturieren die Wände, angeschlagene Bottiche formen Wege im Boden und Oberlichte und Lichtschächte erlauben karge Beleuchtung. Es bedarf nur kleiner Mühen des Betrachters, vor seinem geistigen Auge eine Umtriebigkeit und menschliche Gemeinschaft wieder aufleben zu lassen, wie sie einmal den Raum belebte. Gespenster sind es nicht, die hinter den Bildern stehen. Es ist Bewusstheit um die Lebensfreude, wie sie hier einmal regierte.

 

Ähnlich im Bild „The abandoned chair“. Auch hier erfolgte keine Inszenierung. Präzises Auge entschied über die Perspektive, deren Symmetrie schon wieder eine Ordnung gebietet, die die Vergänglichkeit vergessen macht.

 

Die Bilder entstanden in der Westpfalz, in Italien und auf Bali. Im Inselstaat entdeckte Westrich einen zerfallenden Rummelplatz, dessen „Monster train“ in der Farbgebung von der Masse der Arbeiten abweicht. Dem kulturellen Umfeld entsprechend zeigt das Bild eine ungewohnte Buntheit.

Erkennbar hat Lara Westrich diese Diskrepanz weidlich ausgenutzt und damit einen ungesagten Standpunkt bekräftigt, nach dem auch das scheinbar Unbelebte lebt. Die Fotografin erzählt dies auch: Ihr Bild „To read in the past“ zeigt eine gealterte Buchseite, in deren Zentrum sich die Unlesbarkeit bereits Bahn gebrochen hat, dass es zwar ein Ende vermutlich geben mag, dass der Kontext, in dem alles existierte, aber immer noch lebt.