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Südamerika geht eigene Wege

In den siebziger Jahren wurde der Subkontinent von Militärdiktaturen beherrscht, mit tatkräftiger Unterstützung aus Washington. Die achtziger Jahre galten als "verlorenes Jahrzehnt". Zwar zogen sich die Generäle in ihre Kasernen zurück, aber die Auslandsschulden erstickten jegliche Entwicklung. Es waren nicht die gewählten Wirtschaftsminister sondern der Internationale Währungsfonds, der die Haushaltspolitik der Länder der südlichen Halbkugel bestimmte. In den neunziger Jahren wurden die neoliberalen Rezepte des Chicagoer Professors Milton Friedman umgesetzt. Und dessen Schlagwort lautete: Privatisierung und freies Spiel der Märkte.

Dann gewannen, wie aus heiterem Himmel, plötzlich Männer die Wahlen, die nur unfreundliche Worte für den "Großen Bruder" in Washington übrig hatten. Der erste war Hugo Chávez in Venezuela, 1999, es folgten viele andere.

Südamerika ist selbstbewusst geworden und tritt den Industriestaaten auf gleicher Augenhöhe entgegen. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich die Regierungen des Subkontinents sagen ließen, mit wem sie Bündnisse eingehen dürfen und welches Wirtschaftsmodell sie anzuwenden haben. Ecuador unterschreibt Abkommen mit dem Iran. Im venezolanischen Orinoco-Delta fördern Chinesen Erdöl, Bolivien kauft Hubschrauber in Russland - und Brasilien ist Weltmacht geworden. "Brasilien hebt ab", titelte der Economist über das Wirtschaftswunder im "globalen Süden". Das Sprachrohr des "globalen Nordens" ist perplex. Hatte er nicht vor kurzem noch den Amazonasstaat mit Nigeria und nicht mit Südkorea verglichen? Das Wirtschaftswachstum liegt bei sechs, die Inflation bei 4,6 Prozent, die Verschuldung ist unter Kontrolle. Brasilianische Unternehmen expandieren:

Präsident Evo Morales, der frühere Anführer der Koka-Bauern-Gewerkschaft, hat die ausländischen Erdölgesellschaften nationalisiert und will den strategischen Rohstoff, das Lithium, in Eigenregie abbauen und vermarkten. Er schloss technische Abkommen mit dem Iran und warf die US-Rauschgiftbehörde DEA aus dem Land. Einst hatte sie seine Felder abfackeln lassen.

Und in Argentinien wurde das Ende der Nafta besiegelt, das Lieblingskind von George Bush, ein Freihandelsabkommen mit den USA.

Wir laden ein Sie ein zu Vortrag und Diskussion mit der Journalistin Gaby Weber, die seit Mitte der achtziger Jahre in Südamerika lebt und von dort vor allem für die ARD berichtet.

20. Mai 19 Uhr Martin-Luther-King-Haus, Schwerdstr. 2, Speyer



...hier ein Besucherkomentar zur Veranstaltung von Tabea Leicht:

Lateinamerika -
Erdkundeleistungskursschüler im Gespräch mit ARD-Korrespondentin Gabi Weber

Am Freitag, dem 21. Mai 2010, bekamen die Schüler der Erdkundeleistungskurse des Nikolaus-von-Weis-Gymnasiums in Speyer Besuch von der freischaffenden ARD-Lateinamerika-Korrespondentin Gabi Weber. Nachdem sich Frau Weber der Gruppe vorgestellt hatte, wollte sie zuerst von ihrem Leben in Südamerika berichten und danach mit den Schülerinnen und Schülern in einen Dialog kommen. Für das gemeinsame Gespräch bot sie der Schülergruppe direkt das Du an: "Ich komme aus Südamerika, da duzt man sich". 1986 zog Frau Weber nach Uruguay um dort als freie Auslandskorrespondentin zu arbeiten und dort zu leben. Nach 15 Jahren ging sie nach Argentinien, genauer gesagt nach Buenos Aires, wo sie auch heute noch lebt. Zunächst berichtete sie über den Staatsbankrott Argentiniens, der ein Schock für die ganze Volkswirtschaft war, denn es kam zu einer riesigen Inflation, wodurch das ganze Gefüge nicht mehr funktionierte. Um die Inflation und die mit ihr verbundenen Probleme wieder los zu werden, setzten sich Leute aus allen Gesellschaftsschichten in ihren Stadtvierteln zusammen und diskutierten über ein weiteres Vorgehen.
Als Nächstes berichtete Frau Weber über die Wirtschafts- und Lebensverhältnisse Argentiniens, auch zu Zeiten vor der Krise. Argentinien war noch nie sehr arm, sondern immer ein relativ reiches Land. Dies rührte daher, dass für die relativ wenigen Bewohner in diesem großen Land sowohl die medizinische als auch die Lebensmittelversorgung immer sichergestellt war. Durch Ölreichtum und das Vorhandensein großer landwirtschaftlicher Nutzflächen konnte das Land schon zu den Zeiten des zweiten Weltkrieges durch Exporte Gewinne erzielen. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu Masseneinwanderungen vor allem von Gastarbeitern aus Italien, die meist wegen der vergleichbar hohen Löhne ins Land kamen. Zu dieser Zeit baute sich eine starke Mittelschicht auf. Jedoch kam es in den 1970er Jahren zu einer Militärdiktatur, die das Land auf das Niveau eines Dritte-Welt-Landes herunterwirtschaftete. Trotz des wirtschaftlichen Niedergangs des Landes, stellten die Militärs Argentinien als Mittelpunkt der Welt dar und richteten sogar ihre Karten nach dieser Anschauung aus.
Das Nächste Thema, das Frau Weber ansprach war die aktuelle Lebenssituation der Bevölkerung Argentiniens. Die Lebensweise der Jugendlichen ähnelt sehr der Unseren. In manchen Dingen sind die Argentinier uns sogar voraus. "Im Internet habt ihr hier noch einiges nachzuholen", bemerkte Frau Weber. Allerdings ist das schulische Niveau nicht ganz vergleichbar mit dem in Deutschland. Ein Abiturient in Argentinien kann nicht Englisch sprechen wie ein Deutscher.
Nach all diesen Informationen von Seiten der Korrespondentin kam es zum Gespräch zwischen Frau Weber und den Schülerinnen und Schülern. Die erste Frage der Gruppe bezog sich auf staatliche Hilfsorganisationen im Land, worauf Frau Weber erzählte, dass der Staat und die Regierung zwar nicht so korrupt handelt wie zum Beispiel in Südafrika, aber dennoch ein großer Teil der Bevölkerung in Armut lebt. Gegenüber der breiten Masse, die in Armut lebt, aber trotzdem ein geregeltes Leben führt, steht ein geringerer Teil der extrem armen Bevölkerung. Diese Menschen leben meist in Slums mit Gewalt und Drogen. Diese Schicht bekommt wenig Hilfe von staatlicher Seite, obwohl Argentinien einen hohen Betrag für Hilfe aufwendet. Doch bis dieses Geld von Buenos Aires bis ins Hinterland gelangt, verliert sich einiges. Ein großes Problem Argentiniens ist das Justizsystem, das nicht ausreichend funktioniert. Hilfsinitiativen "von Unten", von nicht staatlicher Seite erreichen mehr. Jedoch sind diese von der Regierung nicht gern gesehen, da diese sich dadurch kontrolliert fühlt. Auch extreme soziale Disparitäten zeugen vom zu wenig kontrollierenden Justizsystem. Die Reichen haben die Möglichkeit durch illegalen Steuerbetrug noch reicher zu werden, ohne vom Staat dafür belangt zu werden.
Dennoch hat sich in den letzten Jahren vieles zum Positiven verändert. Zum Beispiel ist der Drogenmissbrauch zurückgegangen und die Mittelschicht lebt in für Südamerika guten Verhältnissen. Bei Hilfeleistungen muss nachgewiesen werden, dass die Kinder regelmäßig die Schule besuchen, sodass auch die armen Kinder Möglichkeiten auf gute Bildungschancen haben. Im Gegensatz dazu haben extrem arme Kinder, bei denen die Hilfe nicht ankommt, keine Chancen in die Schule zu gehen, da sie meist schon in sehr jungen Jahren arbeiten müssen. Meistens werden diese Kinder und Jugendlichen in der Gesellschaft nicht angenommen und fühlen sich vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.
Eine weitere Frage seitens der Schülerinnen und Schüler betraf die aktuelle Wirtschaftskrise und die damit verbundene Situation in Lateinamerika. Nur anfangs gab es einen kurzen Engpass zu spüren, der jedoch nicht lange anhielt, sodass vor allem Brasilien und Argentinien trotzdem ein Wirtschaftswachstum von 10 Prozent aufweisen konnten. Argentinien konnte von einem starken Lebensmittelhandel mit China profitieren, da es Soja als Futtermittel exportierte.
Die darauffolgende Frage kam allerdings von Frau Weber, denn sie wollte wissen, wie die Sozialhilferegelungen in Deutschland derzeit gestaltet sind. Als erstes Stichwort fiel "Harz IV". Die Schülerinnen und Schüler berichteten die Situation in Deutschland aus ihrer Sicht, dass es den meisten Deutschen peinlich ist, Sozialhilfe vom Staat zu bekommen und dass Institutionen wie "die Tafel" dennoch gut besucht und angenommen werden. Daraufhin erläuterte Frau Weber die Situation in ihrer jetzigen Heimat. Dort gibt es eine der "Tafel" ähnliche Institution, die jedoch hauptsächlich von Männern über 50 Jahren genutzt wird. Der Grund dafür ist, dass nach der Mechanisierung viele Männer ihren Arbeitsplatz verloren und keinen neuen Job mehr gefunden haben. Die Frauen waren somit gezwungen, in die Arbeitswelt einzutreten. Viele machten Putzjobs, die zwar nicht gut angesehen, aber gut bezahlt sind. Dieser Prozess ließ die Frauen unabhängig von ihren Männern werden, die durch ihre Arbeitslosigkeit meist anfingen zu trinken und daraufhin von ihren Frauen verlassen wurden. Da die Männer zu unflexibel sind, um sich selbst zu versorgen, sind sie das Hauptklientel der "Tafeln". Ein deutlicher Unterschied zu Deutschland ist, dass sich "die Armen" in Argentinien nicht für ihre Armut schämen, weil sie sich nicht selbst schuldig für ihre Lage fühlen. Der Verantwortliche ist ihrer Ansicht nach der Staat, weil dieser nicht für genügend Arbeitsplätze sorgt. Da die Armut in Argentinien normal ist, ist es nicht jedem möglich, sich zu versichern, aber dennoch gibt es öffentliche Krankenhäuser, in denen jeder behandelt wird. "In Argentinien stirbt keiner an einem Blinddarmdurchbruch", merkte Frau Weber an.
Eine weitere Frage war, ob es viele Einwanderungen nach Argentinien gibt. Darauf antwortete Frau Weber, dass viele Immigranten aus den umliegenden Nachbarländern, aber auch aus Asien kommen. Diese müssen jedoch ein Guthaben von mindestens 10.000 Dollar auf einem Konto nachweisen können. Diese Maßnahme wurde getroffen, um dem Einwanderungsstrom Herr zu werden. Allerdings sind die asiatischen Einwanderer bei den Südamerikanern nicht sonderlich beliebt, weshalb sie den Kosenamen "Chino" erhalten haben. Die Asiaten benutzten in den meisten Fällen das Land als Sprungbrett in die NAFTA-Staaten. Daraufhin kam die Frage auf, ob Mexiko die richtige Entscheidung getroffen habe, der NAFTA beizutreten. Frau Webers Meinung dazu war, dass sich Mexiko durch den Beitritt selbst abhängig von den USA machte, weshalb es auch zu Handelshemmnissen mit anderen Staaten, unter anderem mit China, Russland und Indien kam, da diese ein Gegengewicht zur USA sein wollen. In der folgenden Frage wurde die Position Südamerikas thematisiert. Frau Weber erklärte, dass Südamerika versucht, eine Einheit zu schaffen, was sich jedoch schwierig gestaltet, da sich politisch konkurrierende Systeme gegenüber stehen. Auf der einen Seite steht zum Beispiel Venezuela mit einem sozialistischen System, auf der anderen zum Beispiel Brasilien und Argentinien mit kapitalistischen Systemen. Als gemeinsames Ziel soll ein Gebilde ähnlich der Europäischen Union, ohne Zollschranken und mit einem gemeinsamen Parlament entstehen.
Die letzte Frage bezog sich auf die lateinamerikanische Lebenseinstellung. Frau Weber erzählte aus eigener Erfahrung, dass dort eine andere Mentalität herrscht als hier. "Der Deutsche fragt, der Südamerikaner macht einfach!", bemerkt Frau Weber mit einem leichten Grinsen. Dennoch sind Deutsche als verlässliche und ehrliche Arbeiter in Lateinamerika hoch angesehen. Das Pausenzeichen läutete zugleich das Ende der Gesprächsrunde ein und Frau Weber wurde mit einem lauten Applaus verabschiedet.


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