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Raúl Zurita zählt zu den renommiertesten Vertretern der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur. Er ist Träger des Pablo Neruda-Preises (1989) und des chilenischen Premio Nacional de Literatura (2000), wie auch des Pericle d´Oro, (Italien, 1995) und des José Lezama Lima (Kuba, 2006). Im Jahre 1984 erhielt er ein Stipendium der Guggenheim Memorial Foundation für seine poetische Arbeit. Seitdem hält er regelmäßig Lesungen und Vorträge an nordamerikanischen Universitäten, darunter Harvard, Yale, Stanford und Berkeley. Im Jahre 2003 war Raúl Zurita auch Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD). In diesem Sommer ist Zurita zum zweiten Mal Gast des Berliner Poesiefestivals.

In seinen bekanntesten Werken, dem dreiteiligen Gedichtzyklus Purgatorio (Fegefeuer), 1979, Anteparaíso (Vorhimmel), 1982 und La vida nueva (Das neue Leben), 1994 verarbeitet Zurita die Erfahrung der chilenischen Diktatur. Mitgründer der C.A.D.A Bewegung, deren Kunstmotto ARTE ES VIDA (Kunst ist Leben) war, realisierte er zahlreiche Kunstaktionen und Projekte, von zum Teil große Radikalität, die bis zu Selbstvertümmelungsaktionen gingen. Besonders bekannt geworden ist seine gigantische ‚inscripción' des Verses "ni pena ni miedo" (Weder Leiden noch Furcht) in der Atacamawüste, eine Einschreibung, die nur aus großer Höhe vom Flugzeug aus lesbar ist. Er vertritt das Konzept einer Grenzen überschreitenden Literatur, in deren Mittelpunkt häufig der dramatische‚ historische Bruch in der Kunst und im Leben Chiles durch die Diktatur steht.

Werke die nach der Militärdiktatur entstanden und der politischen Übergangszeit Chiles zuzuordnen sind: Canto de los ríos que se aman (Gesang der liebenden Flußen) 1997 , INRI (2003), Los países muertos (Die toten Länder) 2006, Las ciudades de agua (Die Städte aus Wasser) 2007, In memoriam (2007) und Cuadernos de guerra (Kriegshefte) 2009. Seine mehr als 20 Gedichtbände wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Seine Gedichte sind Chiles Leiden, sowie der fernen Möglichkeit menschlichen Glücks gewidmet.

Seit 2001 ist Raúl Zurita Professor für Literatur an der Universidad Diego Portales, Santiago de Chile.

Lesung am Mittwoch, 9. Juni 2010, 20 Uhr
Historischer Ratssaal
Maximilianstr. 12, Speyer
Eintritt: 7,- Euro




...hier ein Besucherkommentar von Gerhard Kerner:

Lehrstück für den alten Kontinent

Wenn Lyriker laut lesen, ist dies nicht immer das vergeistigte Wispern von der Zinne des Elfenbeintürmchens, das wir vernehmen. Im Falle Raul Zuritas hören wir Zorn, dem Zügel gelassen werden, Trauer, die sich in rasender Klage artikuliert, eine glasklare Absage an Verzeihen und Vergessen, die nur noch zwischen den Zeilen der Hoffnung auf Liebe Raum gibt.

Poet Zurita liest in einem Land, in dem die Denkströme des nie verarbeiteten Hitlerfaschismus sich immer mal wieder und immer noch Bahnen brechen, in dem miefiges Kleinbürgertum nach wie vor stiernackige Stumpfheit wahrt, in dem Unbedarfte wieder mit antikommunistischer Geschichtsklitterung gefüttert werden dürfen, wobei sie diese lammfromm und kritikfrei schlucken, und in dem bigottes Vergebens- und Vergessensgebrabbel zunehmend Gehör findet.

Zurita erteilt uns mit seiner Lyrik ein Lehrstück. Seine klare Absage an die Vergebung ist unüberhörbar. Selbst von den Henkern und Folterern Pinochets eingekerkert, ruft er jetzt laut gegen das Vergessen an.

Nach seiner Vita war der Versuch, die eigenen Augen zu verätzen, um das Leid seines Landes nicht mehr sehen zu müssen, glücklicherweise erfolglos. Im Vortrag aber begegnen uns diese Augen ständig. Leere Augenhöhlen sind es, denen Faschisten das Sehen unmöglich machen wollten. Die Augäpfel rissen sie als logische Folge unscharfen Denkens heraus. Zurita streichelt seine totäugige Geliebte in den Gedichten. Mag sie auch vermodernd in Wüsten liegen - Er findet sie und berührt ihre Lippen. Die Toten und die Hoffnung auf deren Auferstehung sind ihm Metapher für die Schönheit seines Landes, für seine Liebe zu dessen Menschen, aber auch für Chiles verlorene Unschuld und die Beschämung darüber.

Wem immer Menschlichkeit innewohnt, darf ohne Scham erschüttert sein von Zuritas zeitweise detaillierter Beschreibung der Foltergefängnisse, der Bedenkenlosigkeit, mit der Schergen einer CIA-gelenkten Soldateska nicht nur Hemmungen, sondern auch Menschenkörper über Bord werfen. Sie fallen von Schiffen und aus Flugzeugen. Zurita nennt sie Fleischköder. Mehr waren sie wohl nicht für Pinochets Marionetten.

Doch Zurita findet die Leblosen wieder in seiner Lesung aus dem noch nicht übersetzten Zyklus "Das INRI der Landschaften". Er findet sie im Meer, in den Wüsten in Bergen. Er spricht sie an und verleiht ihnen somit wieder Stimme, um gegen Vergessen und Vergeben anzuschreien. Was soll es auch, ungehemmter Brutalität mit Zimperlichkeit zu begegnen? Diese leidvolle Erfahrung musste Zurita selbst machen.

Singt er Lieder auf seine leblose Liebe, so ist dies Äußerung einer großen Liebe zu seinem Land. Ungezügelt ist seine Leidenschaft. Und genau damit macht er es möglich, vielleicht auch ein wenig Hoffnung zu hegen. Hoffnung ist nach Zuritas Poemen nur möglich, wenn brauner Sumpf aber auch wirklich restlos trockengelegt wurde.

Man muss Zurita hören, um ihn zu verstehen. Die Narben ureigener seelischer Erschütterung brechen blutend auf, sobald er zum Vortrag ansetzt. Lyrik ist für ihn weniger Spiel mit Worten und Metaphern als Offenlegung des Inneren und Entäußerung der Seele. Was er selbst erfuhr, lässt er miterleben. Er rüttelt auf.

Somit steht er in direkter Verbindung mit dem großen Pablo Neruda. Er ist alles andere als nur sein Epigone. Zurita wechselt zwar nicht die Form des Ausdrucks, doch auf Grund eigenen, leidvollen Erlebens, greift seine Lyrik noch tiefer. Sie geht so sehr in die Seele, dass sie dem deutschen Bildungsbürgertum vielleicht das Mark des einen oder anderen zarten akademisch verbildeten Knochens erschüttert haben mag. Und möglicherweise greift in manchen Köpfen das Denken nach einer Zurita-Behandlung fortan weiter und tiefer.

Respekt gilt dem Mut und dem Engagement des Weltladen Speyer, der eine solcherart kraftvolle Stimme für die Hoffnung und wider das Vergessen nicht nur vernommen, sondern auch geladen hat.

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